Gepostet am 1. März 2017 von hagen

Wenn Du ein Lied schreibst und es nicht mit einer Lizenz versiehst, hast Du es eigentlich nur für Dich selbst geschrieben. Auch wenn die gelebte Praxis häufig abweicht, ist es Anderen nämlich nicht erlaubt, Dein Werk ungefragt zu verbreiten, in Gruppen zu singen oder abzudrucken – selbst wenn Du es vorher auf einem Singewettstreit vorträgst oder ins Internet stellst. Ich möchte Dir erklären, wie Du Deine selbst geschriebenen Lieder auf einfachem Wege der bündischen Welt zur Verfügung stellst, ohne dabei gänzlich die Kontrolle darüber zu verlieren.

Mit einer Lizenz versehen?

Ich weiß, das klingt jetzt erst mal wahnsinnig unnötig und kompliziert, ich kann aber schon vorwegnehmen, dass beides nicht stimmt. Fangen wir mal allgemein an: Warum sollte ich eine Lizenz brauchen und was ist das überhaupt?

Wenn Du ein Lied schreibst, bist Du der Urheber dieses Werks, hast also das Urheberrecht. Wichtig ist, dass das Urheberrecht – außer im Todesfall – nicht übertragbar ist und dass Du auch nicht einfach darauf verzichten kannst, selbst wenn Du das willst.

Selbst wenn Du Dein Lied mit dem Vermerk „Ich verzichte vollständig auf mein Urheberrecht“ auf einen Zettel schreibst und verteilst, darf es niemand in einer Singerunde singen, in ein Liederbuch drucken (auch nicht „zum internen Gebrauche“) oder auch nur den Zettel weitergeben. Es sei denn, Du erteilst genau für diese Handlungen eine explizite Erlaubnis.

Die Situation ist erst mal blöd für alle: Internetforen müssen Aufnahmen oder Texte Deiner Lieder löschen, Ersteller von Liedheften müssen zunächst Kontakt zu Dir suchen, Zuhörer haben die Melodie vielleicht bald wieder vergessen. Deine Arbeit war im schlimmsten Fall komplett umsonst, weil unser Urheberrecht eben nicht auf möglichst freie Verfügbarkeit von Kulturgütern ausgelegt ist.

Und genau da kommt die Lizenz ins Spiel. Mit einer Lizenz kannst Du nämlich entscheiden, welche Teile Deines Urheberrechts Du in Anspruch nehmen willst – und welche eben nicht. So kannst Du eine legale Nutzung und Verbreitung ermöglichen, ohne dass man Dich vorher für jede Kleinigkeit um Erlaubnis fragen müsste.

Wie geht das denn jetzt?

Ganz einfach. Du bist nicht der Erste, der ein Werk mit Anderen teilen möchte, deshalb gibt es vorgefertigte Lizenzen, die man einfach benutzen kann. Für unsere Zwecke eignen sich die Creative-Commons-Lizenzen (zu deutsch etwa: „Kreatives Allgemeingut“) hervorragend.

Wie einfach man so eine Lizenz benutzen kann, siehst Du am Ende dieses Artikels, der übrigens auch unter einer Creative-Commons-Lizenz lizenziert ist. Auf einem Liedzettel reicht schon eine kleine Anmerkung mit einem Link zur Lizenz aus.

Meine persönliche Empfehlung ist die Lizenz CC-BY-SA 4.0:

  • CC für Creative Commons
  • BY für die erforderliche Namensnennung des Autors (das bist Du)
  • SA (ShareAlike), sodass abgeleitete Werke, z.B. neue Strophen, wieder unter der gleichen Lizenz verfügbar gemacht werden müssen
  • 4.0 ist die aktuellste Version der Lizenz (im Februar 2017)

Diese Lizenz erlaubt das Verbreiten, Bearbeiten (z.B. durch neue Strophen) und Vervielfältigen des Werkes, wenn eine Namensnennung gegeben ist, sie ist auch die Standardlizenz für Wikipedia-Inhalte. Es gibt noch eine Reihe weiterer CC-Lizenzen, die bei Bedarf das Bearbeiten oder die kommerzielle Nutzung Eures Liedes verbieten. Allerdings balancieren viele Liederbücher auf einem schmalen Grat zwischen kommerziell und privat, auch ein Keksverkauf mit Musikbegleitung könnte unter Umständen als kommerziell gelten.

Erzählt es weiter

Jetzt seid Ihr gefragt! Egal ob Ihr selbst Autoren seid oder jemanden kennt, der schon ein Lied oder Gedicht geschrieben hat: Je mehr Werke unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlich werden, desto vielfältiger und bunter wird unser Liedgut! Auch bereits bestehende Lieder können lizenziert werden. Traut Euch, Eure Lieder oder Texte auf Homepages, bei Facebook oder beim nächstgelegenen Singewettstreit zu teilen und erlaubt Anderen, sie zu singen!

Horrido
hagen

Anmerkung: Ich habe hier grob zusammengefasst, was ich aus eigener Erfahrung und zwei Semestern Recht-Vorlesung über Lizenzen und Urheberrecht weiß. Ich bin kein Jurist, erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und lasse mich gern korrigieren, falls etwas nicht stimmt. Kontaktdaten im Impressum.

Text von hagen, lizenziert unter CC-BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)
Beitragsbild von Carsten Deiters